
Hallo Leude!
Als wir im Podcast darüber sprachen, was Ärzt*innen zu unserem Wohl tun dürfen und was nicht, fiel das Wort „Lüge“. Das hört sich schlimmer an, als es ist. Oder?
Solange man keine Ahnung hat, was jemand mit Fachwissen redet, kann gelogen werden, dass sich die Balken biegen. Man nennt es dann schon mal Notlüge. In der Politik wird für Lügen häufig der Boden bereitet, in dem man behauptet, es wäre alles so kompliziert! Das schreckt erstmal sehr viele Menschen ab. Was so kompliziert ist in der Politik, erklären Politiker*innen natürlich nicht.
Medizin ist auch verdammt kompliziert. Die Sprache, in der sich unterhalten wird, ist auch nur ausgestorben. Gut, daran sind Medizinierende ehrlicherweise nicht Schuld. Aber habt ihr mal die die komplizierten Worte ins Deutsche übersetzt? Das mit Strom, also mein Fachgebiet, verstehen auch die wenigsten. Nur muss man das auch nicht.
Politik und Medizin haben gemeinsam, dass sie auch unwissende Bürger*innen bedienen müssen. Dabei ist in der Medizin die Patientin Werkstück und Kunde zugleich. Das ist, denke ich, ziemlich einzigartig und macht den Beruf so speziell.
Eine Chirurgin hat mit diesem Dilemma bei der Arbeit keine Probleme, da hoffentlich unter Narkose gearbeitet wird. Also ich möchte die Narkose. Trotzdem müssen sogar Chirurginnen uns vorher darüber aufklären, was sie uns und warum sie es rausschneiden wollen. Da wird es dann schon kniffelig.
Mein durch ein Auto zertrümmertes Bein, das zum Zeitpunkt des Crashs taub war und nur teilweise benutzbar, offenbart ein großes Problem der Medizin. Was soll das Ergebnis einer erfolgreichen Operation sein? Fragst du mich, glaubte ich damals, dass der Sinn darin lag, dass die Funktion des Beins wiederhergestellt wird.
Frage: „Kann ich damit danach denn auch gehen, wenn das ganze Metall drin bleibt?“
Antwort: „Sie haben davor im Rolli gesessen!“
Frage: „Der Nerv im Bein ist ja kaputt und es sind wirklich starke Schmerzen. Regeneriert sich das wieder und hören die Schmerzen auf?“
Antwort: „Ein Nerv kann sich regenerieren!“
Selbst wenn man Antworten bekommt und sie keine Lügen sind, können sie dennoch völliger Bullshit sein und absolut richtig. Der Nerv beispielsweise, der sich in irgendeiner nicht benannten Zeit regenerieren kann. Es kann mir auch morgen ein Meteorit auf den Kopf fallen. Was hat Nervenregeneration nun genau mit meinen Schmerzen zutun? Mich interessierte, ob es irgendwann nicht mehr weh tut, oder wenigstens eine Wahrscheinlichkeit dafür.
Die Antworten, die ich medizinisch bekam, hatten das exakt gleiche Niveau wie Antworten regierender Politiker bei Lanz. Bullshit!
Nun ist es Gang und Gäbe, dass wir Patient*innen in Antworten etwas hinein interpretieren, was eigentlich nicht gesagt wurde. Das ist die große Kunst der Nebelkerze. Ich glaubte auch, dass die Schmerzen im Falle eines heilenden Nervs weniger werden würden. Diese Hoffnung hat man einfach. Und diese Hoffnung wird stumpf bedient. Man sieht sich ja nie wieder. Ist das dann eine korrekte Aufklärung in meinem Sinne gewesen?
Nein, es war Bullshit! Es entsprach genau der Aussage mit dem Meteoriten, der auf dich fallen könnte.
Begründung der Mediziner, die ich kennenlernte: „Das ist alles sehr kompliziert und es könnte …“
Politiker haben wie Medizinierende vollständig verlernt, einen Satz ohne Konjunktiv zu bilden oder sie wollten es nie. Ja nicht festlegen ist das Mantra.
Mein Bein tut nach 9 Jahren exakt so stark weh, wie direkt nach dem Unfall. „Also Nervenschäden gehören nicht zum Fragenkatalog der Gliedertaxe der Versicherungen für eine gelungene OP!“
So sagte es mir der Chefarzt mit leicht süffisanten Lächeln. Und bei mir wäre das eh alles egal, da ich ja vorher schon eine Nervenkrankheit hatte.
Zumindest hat er mir – natürlich ganz im Geheimen – die Fragen der Versicherung an ihn, den Chefarzt, gezeigt. Das solltet ihr euch nicht antun. Es wird eurer Weltbild möglicherweise irreparabel schädigen. So wie der Unfall mein Bein. Nach dem Unfall hieß es, dass ein Bruch theoretisch sechs Wochen braucht um zu heilen. Allerdings nicht offiziell.
Offiziell war ein absoluter Gott seiner Zunft 6 Stunden mit meinem Bein beschäftigt. So wunderbar geringe Spaltmaße, nicht wie bei einem Tesla sondern Mercedes-like.
Viele Nägel, Schrauben und Platten bereicherten mein Innenleben. „Das lassen wir besser für immer drin!“
Wir müssen gar nicht über Unwahrheit zum Wohle der Patientinnen sprechen. Kauderwelsch gemischt mit Konjunktiven des Grauens tut es auch.
Ich erlebte noch die gute, alte Zeit, als sich Ärzte erdreisteten, dir vor den Kopf zu ballern, was sie von deiner gesundheitlichen Zukunft hielten und dir daraufhin brutal gefährliche Medikamente empfahlen. Das tat jemand aus seiner Erfahrung heraus. Die Medikamente musste man aber auch 1991 schon nicht nehmen, wenn man nicht wollte. Nur waren die Regeln zur Selbstbestimmung von Patientinnen noch nicht so richtig …
Später warfen sie dir Pharma-Kataloge aufs Bett, damit du selbst aussuchen kannst, was du willst, weil du ein so aufgeklärter Patient bist. Ob die Spezialist*innen der Ethikkommission das bedacht haben? Medizinierende sind jetzt zwar keine Künstler mehr, aber dafür dürfen sie sich der Verantwortung entledigen, Entscheidungen für dich zu treffen. Außer natürlich, du liegst mit geöffnetem Torso auf dem Op-Tisch.
Finde ich das heute besser als damals? Nein! Aber darüber musste ich auch nach dem Gespräch im Podcast mit Edda lange nachdenken. Ich habe außer unter Narkose noch nie Menschen, die ich nicht kenne, vertraut. Wieso sollten ausgerechnet Ärzte eine Ausnahme machen. Hat man es tatsächlich geschafft, mein Selbststimmungsrecht zu stärken, ohne Ärzte in ihrer Beratungsfunktion zu beschneiden? Nein! Dafür hat man massenweise Richtlinien erfunden, die überwiegend Funktionäre erdachten.
Politiker werden ebenfalls von Funktionären über Technik aus der Industrie informiert. Damit bekommen sie eine wirtschaftliche, aber keine fachliche Einschätzung.
Man kann es auch so sehen, dass man Ärzt*innen eingenordet, auf Linie gebracht hat. Alles zu meinem Wohl; angeblich. Individualität sucks, ist das Mantra von Funktionären, die Verbänden für irgendetwas vorstehen. Dabei kann der Funktionär des IOC problemlos auch Funktionär des Sparkassenverbands oder der privaten Krankenhauswirtschaft sein.
Ich hatte nur einen ernstzunehmende Arzt und eine Ärztin, der ich vertraut habe – von 1992 bis 2025. Und ich war bei unzähligen Ärzt*innen! Die interessierten mich genauso wenig wie ich sie. Letztlich habe ich alles mit meinen zwei Vertrauten abgeglichen. Und nur, wenn die das für sinnvoll hielten, machte ich etwas. Nun sind bald beide weg.
Jetzt kann ich selbstbestimmt ganz allein medizinische Entscheidungen treffen. Eine Nachfolgerin wurde mit meiner Krankengeschichte versorgt, weil meine Hausärztin es für ihre Pflicht hielt, meine spezielle Krankengeschichte weiterzugeben und mich als Person zu beschreiben.
Es läuft ganz gut an! Aber gut Ding will Weile haben. Und ich bin zu alt, um mich neuen Medizinierenden zu erklären, von denen ich vorher weiß, dass sie nichts davon jemals lesen, ob elektronisch oder nicht.
Auf den Punkt gebracht, musst du quasi selbst wissen, was mit dir geschehen soll. Das ist nicht einfach, das kann ich euch versprechen. Unsere Selbstbestimmung sehen Medizinierende als Freifahrtschein. Mir kommt es vor wie mimimi, dann eben nicht!
Euer Ingenieur