Hallo Leude!
Mit Spannung warteten wir auf unsere Hörerin der ersten Stunde.
Wann könnte es besser passen, Simone Ferner bei uns zu haben, als zu unserem dreijährigen Podcast-Jubiläum?
Ja, Leude, wir gehen ungebremst mit frischen Ideen ins vierte Jahr von
„1000 Gesichter plus 2“.
Dass Simone uns hört, ist nicht wirklich einem freudigen Ereignis geschuldet. Sie hätte sicher lieber niemals von uns gehört. Wir als Urgesteine in der MS Welt starteten den Podcast just, als für Simone die Welt vor Augen verschwamm. Da das nun auch drei Jahre her ist, dürfen wir sie nicht mehr Frischling nennen. Mir ist das Wort Frischling, aus der Jägersprache für junges Wildschwein bekannt, nicht sonderlich sympathisch.
Egal. Simone ist nun unsere erste Gästin mit MS, die tatsächlich noch nicht lange dabei ist. Das wird total spannend, aus erster Hand zu hören, wie die moderne Medizin – die war angeblich 1992 auch total modern – heute so mit MS Erkrankten umgeht und alles viel besser gemacht hat, als zu Eddas und meinen Diagnosezeiten. Nun denn, es knisterte.
Tatsächlich soll besonders die Diagnostik riesige Fortschritte gemacht haben. Digitalisierung, individualisierte Medikamente und KI Steuerung heben die Medizin jetzt auf ein neues Level. Und wer profitiert? Wir, die PatientInnen profitieren in bahnbrechendem Ausmaß. Das sagt jedenfalls meine Recherche, und es hat nicht nur die Pharmaindustrie ein Loblied auf sich selbst gesungen.
Die Spannung war für mich nahezu unerträglich geworden, als das Gespräch mit Simone auf die Diagnose im Krankenhaus zusteuerte. Mindestens mal zur Zeit meiner Diagnose, muss es sich positiv abheben. Höre ich junge Menschen reden, kommt es mir vor, als habe mich damals ein Höllenmensch mit Pompfe, statt Spritze bearbeitet. Eines konnten wir gleich positiv verbuchen. Die Zeit bis zur Diagnose dauerte bei Simone lediglich ein paar Tage, trotz Pandemie. Das ist tatsächlich beachtlich. MRT Bilder schießen, Lumbalpunktion, Schachbrettmuster gucken und Nervenleitgeschwindigkeit messen, ist heute kein Hexenwerk mehr. Und zumindest bei Edda, war das Standard. Bei mir kam ein Aufenthalt im MRT noch einem Besuch beim Exorzist nah, aber ich lag auch drin. Ob man damals das auf den Bildern sah, was man heute sieht, weiß ich nicht. Eines weiß ich aber, da ich Messtechnik studiert habe. Man kann definitiv zu viel messen, was die Erkenntnis eher behindert. Höhere Auflösung bedeutet zwar mehr, aber nicht zwingend besser. Das lernt man hoffentlich heute immer noch so. Ich habe aber Zweifel.
Ich will mal nicht pingelig sein, die Maschine des Grauens ist viel geräumiger und sehr viel leiser geworden. Das ist definitiv ein Fortschritt.
Dann riss unsere Freude über die Innovationen der 2020er schon ab. Wobei! Keine KI hat mir auf genaueres Nachfragen, Modernisierung im Umgang mit Diagnosen versprochen. Leider hörte sich Simones Bericht keinen Deut besser an, als unser beider Erfahrungen aus der Vergangenheit. Das fand ich sehr schockierend. Und komme mir niemand mit: „Es ist Pandemie, und wir sind so überlastet!“ Meine verstorbene Schwiegermutter wurde im Krankenhaushemdchen zu uns nach Hause gebracht. Personalmangel? Brennt bei euch der Helm? Das ist und war menschenverachtender Umgang, Punkt! Es ist der menschliche Faktor, der sich nicht verändert hat. Mediziner haben offenbar keine Innovationen nötig.
So wie bei mir, wurde Simone Ferner nicht erklärt, was genau hinter den Untersuchungen steckte. Gut, die Aufklärungspflicht erledigt sich durch einen Stapel Blätter, die man unterschreibt, kurz bevor man gestochen oder mit einer Feldstärke von zwei Tesla mit Strahlen bombardiert wird.
Aber es war doch Corona! Als Edda und ich erkrankten, gab’s nur um Sterne am Himmel herum eine Corona. Wie kann es dann sein, dass Medizinierende offenbar unabhängig von Raum und Zeit immer das Gleiche machen. Ich in NRW, Edda im Norden, Simone im Saarland. Das Ganze auf etwa dreißig Jahre verteilt.
Kurz überlegte ich, ob mein durchgeknallter Oberarzt ins Saarland abgewandert sein könnte; mit Stopp im Norden. Unwahrscheinlich! Der wäre jetzt etwa 85 Jahre alt. Gut, privat dürfen die ja bis ihnen der Sargdeckel … aber wer’s bis Ü70 nicht zu Wohlstand gebracht hat, hat möglicherweise in der Berufswahl gepatzt. Da stimmt irgendwas anderes ganz und gar nicht. Die Modernisierung und die technologieoffene Innovation haben dazu geführt, dass das Verschwenden von Papier abgenommen hat. Simone wurden keine Broschüren ohne Kommentar auf’s Bett geworfen. Allerdings durfte, während Corona wütete, kaum jemand auf Simones Zimmer kommen. Dass sie dir einfach Tabletten hinstellen, von denen sie dir nicht sagen, wozu die sind, ist auch gute, alte Praxis. Ganz ohne Pandemie. Simone hat dann einen wirklich guten niedergelassenen Neurologen gefunden. Gut heißt in ihrem Fall emphatisch, aufgeschlossen und nicht bevormundend. Dass es bei Simone eines Nervenzusammenbruchs in der Praxis bedurfte, um einen begehrten Platz an der Neurologensonne zu erhaschen, steht auf einem anderen Blatt. Man muss halt immer vollen Einsatz bringen, wenn man richtig krank ist.
Danke für dein Kommen, Simone.
Euer Ingenieur