Hallo, Leude!
Liest man Medienberichte und verfolgt die sozialen Medien, kann man der Annahme verfallen, dass die meisten Menschen in deutschen Großstätten leben, und dass das der Maßstab für das Zusammenleben in der Gesellschaft ist. Kalt, anonym und egoistisch sind die Adjektive, die mit Leben in der Großstadt verbunden werden. Offenbar wollen alle in die Großstadt. Berlin, Köln, München, Frankfurt.
Mir kommt das merkwürdig vor. Ich wollte nie in einer Großstadt leben. Bin ich deshalb ein Alien? Was stimmt nicht mit mir?
Jetzt habe ich herausgefunden, dass ich mir keine Sorgen machen muss, denn fast 70% der Bevölkerung lebt eben nicht in Großstädten. Medientypen leben dort!
In dieser Podcastfolge berichtete ich von der großen Hilfsbereitschaft der Landbevölkerung. Das sind diejenigen, die in Städten und Umgebung unter 100.000 Einwohner leben. Die Großstädter nennen es „Die Einöde“. Edda hat wenigstens Millionen Touristen im Jahr um sich, die für ihren Urlaub eine ganze Insel annektieren und sich benehmen, wie es nur …
Wenn die mal kurz nicht das sind, bleibt ein Dorf zurück.
Wir haben gerätselt, ob ich oft genug Unfälle habe, um statistisch verwertbare Aussagen zu treffen. Da Fakten aber eh der Vergangenheit angehören, und ich mit der Anzahl der Unfälle schon überfordert bin, kann ich sagen: „Die Menschen waren sehr hilfsbereit!“ Man soll es nicht glauben, aber so war es. Es lief niemand mit dem Handy Selfie machend an mir vorbei. Niemand hupte, weil jemand mit zerschmettertem Helm auf der Straße liegt. Das soll ja in Großstädten so üblich sein.
Man latscht einfach an verreckenden Menschen vorbei und macht schnell ein Foto.
Ich kann das nicht bestätigen, da ich nie in einer Großstadt gewohnt habe und das in diesem Leben auch nicht mehr tun werde.
Auch wenn das Leben mit Menschen, die gern auch deine Verdauungsgewohnheiten überwachen, bisweilen anstrengend ist, liebe ich es, dass lediglich einhundert Meter weiter der Wald beginnt, in dem ich schon mal beim Gassigehen eine Stunde niemanden treffe. Nun befand ich mich dadurch latent in Gefahr. Was passiert, wenn du umkippst? Da findet dich womöglich erst am nächsten Morgen jemand.
Und was ist da der Unterschied zum Großstadtdschungel, in dem man über dich rüber trampelt und trotzdem liegen lässt? Keine Ahnung, wie lange ein Notarztwagen in Berlin braucht, aber hier geht das Ruck Zuck. Nur das Handy, sollte man immer dabei haben. Aber das scheint mir in Frankfurt auch von Nöten zu sein.
Leude, wir sind hier nicht wie die Hillybillies in USA, die, glaubt man der Horrorfilmindustrie, Menschen essen und ihre Haut als Masken tragen. Das mit der Haut haben die übrigens von uns Deutschen abgeguckt.
„Aber du bist doch ganz allein!“, sagen die Städter und kriegen Gänsehaut. „Nein Bernd, wir haben hier sogar befestigte Wege und diese Blechkisten. Ach ja, Autos!“
Edda fragte mich, ob im Alltag behinderten Menschen geholfen wird auf dem Land. Ja, ich denke schon. Nur die, die auf Behindertenparkplätzen parken, vorm Bus drängeln und so unfassbar wenig Zeit haben, die helfen natürlich nicht. Weil sie so wichtig sind und so viel arbeiten. Drängler, Pöbler, die an der Kasse durchdrehen, weil sie ein paar Sekunden warten müssen. All die, gibt es hier auch. Ja! Das hat nämlich wenig mit der Größe der Stadt zu tun. Arschkrampe bleibt Arschkrampe. Mag sein, dass sie hier nicht so geballt auftreten, aber FußgängerInnen anhupen und Radfahrende beschimpfen ist des deutschen Mannes Volkssport. Darauf verzichtet man auch in der Einöde nicht.
„Und wie war es in der Notaufnahme?“ Zeitaufwendig fällt mir als Erstes ein. Als Dino kenne ich ja noch die Zeit, die heutzutage eher der Bronzezeit zugeordnet wird. Kein Handy, keine sozialen Medien. Wir liefen mit der Pompfe durch den Wald. Und wir hatten völlig verrückte Rituale. Wir verabredeten uns Angesicht zu Angesicht. Das war schon crazy damals in der Höhle.
Wie genau man damals in der Notaufnahme landete, mag jeder für sich recherchieren. Es ging jedenfalls.
Und wenn man da ankam, gab es Pflegepersonal, Schwestern und ÄrztInnen. Verrückt oder? Ich wartete 1992 als MS-Notfall ganze zehn Minuten, dann wurde ich in die Radiologie im Keller gefahren. Jetzt wurde ich mit möglicher Kopfverletzung und Schulterbruch auch sofort auf lebensbedrohliche Dinge hin untersucht. Nur lag ich dann vier Stunden in der Notaufnahme und wartete auf den Arzt, der Intensivstation und Notaufnahme allein am Wochenende bediente. Ich verstand ihn zwar nicht, aber er war total nett. Das kenne ich aus dem Urlaub.
Man zeigt auf etwas, und mit Händen und Füßen wird kommuniziert. Als ich in Süditalien in den 80ern einen Badmintonball kaufen wollte, las ich in der Übersetzungsfibel „Volano“. Das verstand niemand. Man fragte uns „Palla piccolo?“ Und ich bekam einen Handball.
Aus dieser Erfahrung heraus, bei der sich im Geschäft eine Menschentraube um uns bildete, um zu helfen, versuchte ich erst gar nicht den armen Notfallarzt irgendetwas zu fragen. Seine Sprache konnte ich nicht identifizieren, Englisch verstand er genauso wenig wie deutsch. Trotzdem erkannte ich beim vorletzten Unfall selbst auf dem Röntgenbild, das nichts gebrochen war. Und das Brechen von Knochen kann man ja guttural nachahmen. Diesmal hatte ich jemanden der perfekt deutsch sprach. Und am Wochenende ist hier im Klinikum eine Schwester für drei Stationen zuständig. Ein Glück, dass ich in der Bronzezeit krank war.
Euer Ingenieur