Folge 4/10: Das Märchen vom Starksein

Hallo Leude!

Es ging um Stärke. Wozu brauchen wir sie, und wie soll Stärke für die Betrachter von außen aussehen? Das äußere, aufgedrückte Bild von Stärke, unterscheidet sich schon dadurch, dass man sich in uns nicht hineinversetzen kann. Die Individualität der Erkrankung ist übermächtig.

„Lass dich nicht hängen, du musst kämpfen!“, ist bei genauerer Betrachtung ein merkwürdiger Rat.

Wie Edda richtig bemerkt, ist es wichtig, zu wissen, für wen wir stark sein sollen.

Wer ist denn der Gegner, den es mit Stärke zu besiegen gilt? Und haben uns nicht gerade die Medizinierenden gesagt, „Unheilbar, raubt dir die Kraft, keine Grenzen überschreiten“? Wozu dann  Stärke? Standhaft gegen die MS kämpfen oder ist damit gemeint, dass wir Stärke nach außen zeigen. Also Rollator scharfgestellt und rüber über die stark befahrene Straße? Besser nicht!

Irgendetwas passt da nicht zusammen. Warum müssen Gesunde nicht kämpfen und stark sein? Na weil sie „besitzen“. Nämlich Gesundheit! Wer nicht hat, muss kämpfen, könnte man daraus ableiten.

Wie so ein scheinbar einfaches Thema in einem unscheinbaren Podcast ganze Debatten mit mir selbst auslösen konnte, fasziniert mich! Edda legt dann auch noch die Finger in die Wunden meiner selbst erdachten Krankheitsphilosophie.

An dieser Steller möchte ich erwähnen, dass mir die Gespräche im Podcast mit Edda sehr helfen, mich weiterbringen und meinen Horizont erweitern. Das kann ich nicht gerade von vielen GesprächspartnerInnen behaupten.

Wie Frauen sich fühlen, wenn sie vom männlichen Stärkekult überrollt werden, kann ich nicht sagen. Woher kommt das eigentlich mit der Stärke?

Ich will hier keine Suche starten, aber alle wissen, dass dieses Ding mit Krieg und Kämpfen schon ziemlich exklusiv männlich ist. „Starke Männer braucht das Land“

Sollte sich dann mal eine Frau in diese Welt der unüberwindbaren Stärke verirren, dann … ja dann …

Meine Lieblingsfigur aus meiner Lieblingsgeschichte als Kind war Brunhilde. Unfassbar stark trotzte sie den Männern. Aber auch wieder nicht so ganz richtig. Das mag daran liegen, dass Männer der nordischen Brynhildr als Vorbild für die Nibelungen Brunhilde erstmal die Unabhängigkeit genommen haben. Das war zu viel für die männliche, germanische Seele. Eine Frau, die kämpfen kann, wie es kaum ein Mann vermag, und die unabhängig von Männern ist, ist undenkbar.

Egal wer kämpft, um die Stärke zu demonstrieren, ob Mann oder Frau, es braucht einen Gegner. Also verpasst man den Krankheiten gleich mal ein bekämpfenswertes Antlitz. Martialisch, böse und fast unbezwingbar. Es gibt ja Spontanheilungen! Ja, die soll es geben. Auch für chronisch unheilbar Kranke gibt es diese letzte Ausfahrt in der Erzählung der Medizin. Wir wissen nicht warum, aber es muss möglich sein, sagen sie dann.

Der Held, der im Krieg fällt wird ja vom Kult besonders überhöht, obwohl oder vielmehr gerade weil er gekämpft hat und tot ist. Das überträgt man dann auch noch auf Krankheiten. Stell dir vor, du hast MS, kämpfst nicht wie blöd und stirbst dann. Da sind die drumherum aber sauer. Du hättest ja wenigstens kämpfen können, sagen sie dann. Hängenlassen nennen sie es.

Wenn du auf Wolke sieben dann runter rufen würdest: „War aber unheilbar!“, dann würden alle zurück schreien: „Das ist doch nicht in Stein gemeißelt. Es gibt doch Spontanheilung!“

Ach ja, es ist schon interessant, auf welche Gedanken mich Edda bringt. Übrigens! In einem Small Talk mit einer sehr schlauen KI, kam sie auf die exakt gleiche Analyse wie ich.

Wenn da 100.000 Mann mit Gewehren stehen, und du hast einen Kochlöffel in der Hand, ist das kein Grund, dich nicht erschießen zu lassen. Du wirst der Kochlöffelheld und schaffst es womöglich, einen von 100.000 zu erschrecken.

Männer des Krieges kämpfen sogar gegen unsichtbare Feinde in den mythischen Erzählungen. Wo kämen wir hin, wenn der mit dem Kochlöffel, dem der Bundeskanzler sagt: „Kämpfe für Volk und Vaterland!“, den Löffel abgibt und sagt: „Hast du sie noch alle, kämpf selbst!“

Es muss was damit zutun haben, dass die wenigsten gern erschossen werden. Aber wenn schon tot, dann der Heldentod.

Und was kriegst als MSlerIn? Im besten Fall, dem Sieg, gibt es Normalität, für die sich Gesunde null interessieren und im Regelfall hast du deine Zeit auf dem Schlachtfeld verbracht, statt dich mit deiner MS zu arrangieren und aus dem Ganzen das Beste gemacht zu haben. Dann hast du es nicht mal zur Minimalanforderung von Gesunden gebracht. Anstrengung zum Ziele der Normalität. „Du hättest es ja wenigstens versuchen können!“

Na klar! Leute, die das erzählen, haben alles umsonst geschenkt bekommen  wie reiche Erben. Da kannst du gut reden. Kann doch nicht so schwer sein, sich hinzustellen, du hast doch Beine.

Für uns müssen wir meiner Meinung nach Stärke komplett vom kriegerischen Männerbild entkernen. Stärke ist Resilienz! Stärke ist Anpassung! Stärke ist, sich nicht am Unmöglichen zu verausgaben, sondern am Machbaren zu erfreuen. Wen interessiert da, was andere sagen! Die haben eh keine Ahnung. Und die lautesten Mäuler verstummen vollständig, wenn es sie selbst mal treffen sollte.

In diesem Sinne wünsche ich euch das, was ihr selbst für das Beste haltet.

Euer Ingenieur

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