Folge 4/9: Mein Bauch hat keinen Doktortitel

Hallo, Leude!

Kennt ihr das, wenn das Bauchgefühl sagt, dass sich ein Schub ankündigt? Es kribbelt hier und kribbelt da. Die Spastik hat zugelegt, und man ist noch müder als sonst. Während die Frischlinge direkt in den Panikmode umschalten, bleiben die alten Häsinnen erstmal unbeeindruckt. Ist halt MS! Oma sagt auch sofort, dass es das Wetter ist, wenn sie Wind von den Symptomen bekommt. Die alten Knochen tun ihr auch weh.

Wozu gibt es Neurologinnen, wenn nicht in diesem Fall? Also versuchen die Frischlinge sofort einen Termin zu bekommen. Früher bekam ich immer am nächsten oder noch am selben Tag einen Termin, wenn Schubgefahr bestand.

Und was passiert dann? Mir hat damals der Neurologe im Krankenhaus gesagt: „Das kann auch das Wetter sein!“ Oma, die mich gerade besuchte, sah sich in ihrer Expertise absolut bestätigt. Wie peinlich ist es, wenn deine Oma nickt, während der Oberarzt von Parästhesien durch wechselnde Druckverhältnisse beim Wetter erzählt, und deine Oma wissend nickt, obwohl sie kein Wort verstanden hat?

Leude! Wenn irgendein Medizinierender mit euch redet, sorgt dafür, dass eure Oma nicht zuhört. Dieses Ereignis könnte euch bei jedem Wetterwechsel die nächsten dreißig Jahre bei Oma wahnsinnig machen.

Aber was ist nun wirklich dran am Bauchgefühl? An Omas Bauchgefühl ist nur was dran, wenn es um ihre Gicht geht. Wir neigen aber alle dazu, unsere Gefühle auf andere Menschen zu übertragen. Das wiederum ist dummerweise Unsinn. Weil wir die Gefühle anderer eben nicht kennen. Wenn man irgendetwas absolut exklusiv hat, dann sind es Gefühle. Alles, was unsere Sinne empfangen, ist exklusiv. Im Gegensatz zur Oma, haben Medizinierende Erfahrungen mit sehr vielen Erkrankten. Sie übertragen nicht ihre Erfahrungen mit ihren Sinnen, sondern die Beobachtungen, die sie ganzjährig machen. Dabei wiederholen sich gewisse Vorkommnisse.

Das ist etwas ganz anderes als Onkel Erwins Gefühl, das bei jedem anderen genauso sein muss wie bei ihm. Selbst wenn es mal stimmt, ist es Quark.
Daraus können wir lernen, dass wir immer erstmal etwas fühlen. Wir sollten unbedingt darauf hören. Wenn du nicht mehr die Treppe rauf kommst, ist das deutlich vielsagender als ein MRT Bild  in das Spezialisten etwas hineininterpretieren. MRT zeigen keine Symptome. Das geht immer andersrum. Du spürst und MRT bestätigt im besten Fall.

Ich bin ja Ingenieur. Denen sagt man nach, dass sie mit einer Gehirnhälfte denken; das meint mit Verstand. Darunter versteht die PsychologInnenfraktion bisweilen eine gewisse Gefühlskälte bis zum Gefrierpunkt. Wir rechnen alles und behaupten angeblich, dass man mit Mathematik alles lösen kann.

Ok, ich bin in Rente. Aber so ein haarsträubender Unsinn traf auf mich nie zu. Da halte ich ja jeden Ökonomen für mathehöriger als mich. Mathe ist für mich nur ein gutes Hilfsmittel, nicht mehr aber auch nicht weniger. Ich hab’s auch gar nicht mit medizinischen Statistiken. 

Ich würde sagen, durch ständiges Beobachten und Hinterfragen entwickelt man ein Bauchgefühl, auf das man sich richtig gut verlassen kann.

Nach Sheldon Cooper begann alles an einem sonnigen Tag im Jahre 1666. Isaac Newton saß unter einem Apfelbaum, als ein Apfel auf seinen Schädel prallte. Das ist natürlich Legende! Aber irgendetwas hat Newton bewogen, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Jeder sieht, dass alles von oben nach unten fällt. Es sind vorher schon Millionen Äpfel auf Millionen Schädel gefallen. Außer Kopfschmerzen hat das null bewirkt.

Nur interessiert es heute niemanden mehr. Man könnte meinen, Newtons Entdeckung und die Schlüsse, die er daraus zog, seien banal. Auf so eine Idee kann man nur in der YouTube Akademie kommen.

Banal ist ein Bauchgefühl, dass dir an einem sonnigen Tag unter einem Apfelbaum sagt, dass dein linkes Bein eingeschlafen ist, aber nicht wieder aufwacht, auf keinen Fall.

Als ich meine ersten Symptome bekam, hatte ich null Bauchgefühl. Das lag nur nicht daran, dass ich Ingenieur bin, sondern daran, dass ich keinerlei Erfahrungsvergleiche hatte. Das, was ich fühlte, konnte ich doch nur mit dem vergleichen, das ich kannte. Omas Gicht konnte ich noch nie nachspüren.

Wie zum Henker hätte ich jemals glauben können, ich sei krank und dann noch unheilbar? Das wäre verrückt gewesen. Ich war jung, interessierte mich für meine Frau, Sport, Musik, Reisen und alles was noch Spaß macht. Hätte ich ein Bauchgefühl für MS gehabt, stimmte etwas mit mir ganz und gar nicht.

Wenn ganz frisch gebackene MSlerinnen das jetzt lesen, seid versichert, niemand weiß, was Phase ist, wenn so ein krudes Ereignis, wie der Ausbruch einer unheilbaren, neurologischen Erkrankung an die Tür klopft.

Ein Bauchgefühl muss sich entwickeln. Es entsteht aus Erfahrungen. Vielleicht merken wir nicht einmal, wie unser Bauchgefühl immer besser und immer zuverlässiger wird.

Heute vertraue ich meinem Bauchgefühl absolut. Kein neurologisches Gerät kann dagegen anstinken. Weder der Reflexhammer des Neurologen noch das unfassbar teure MRT kann meinem Bauchgefühl das Wasser reichen. Und ja, ich war und bin Ingenieur.

Euer Ingenieur

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