Hallo, Leude!
Wir sind alle Getriebene, sagen uns die Medien. Und wir haben keine Zeit. Wenn man nicht gerade Jäger und Sammler als Lifestyle zum Vergleich heranzieht, ist seit dem ausklingenden Mittelalter mit Kapitalismus und Industrie, die arbeitsfreie Zeit üppiger bemessen gewesen, als heute.
Wieso sind wir dann mehr getrieben als vergangene Generationen? Vielleicht liegt es daran, dass nicht nur unsere Arbeitszeit ausgebeutet wird sondern auch unsere Freizeit. Die Freizeitangebote sind so vielfältig, dass es schon stressig ist, aus dem riesigen Blumenstrauß an Möglichkeiten das Beste auszusuchen. Und das es immer das Beste sein muss, wird uns quasi jede Sekunde des Tages eingeimpft. Jedes Angebot muss ein unvergessliches Event werden. Wir drehen dann davon ein Video und müssen es sofort posten. Dann muss man auf jedes Herzchen antworten. Als würde es irgendwen interessieren, was Normales tun.
Wenn das nicht stressig ist, dann weiß ich auch nicht. Unser Kanzler möchte uns von diesem Lifestyle-Stress erlösen, in dem wir viel mehr arbeiten sollen. Beschäftigung schützt uns vor unnötigem Nachdenken.
Was das mit chronisch kranken MSlerInnen zu tun hat?
Die meisten von uns können zumindest einen Großteil ihrer Lebenszeit weder am Arbeitsstress noch am Lifestyle-Stress teilhaben. Selbst den Stress nimmt uns die Krankheit, könnte man denken.
Aber nein!
Wir haben einen gleichwertigen Stressersatz bekommen. Das Medidiktat! „Ja, aber man muss doch auch …“, sagen sie.
Bevor ich auf unsere Quälgeister näher eingehe, möchte ich etwas fragen. „Ist euch auch aufgefallen, dass arbeitende Normalos davon ausgehen, dass Kranke ja viel mehr Freizeit haben, da sie nicht so viel arbeiten können?“
Also wenn das kein Krankheitsgewinn ist, weiß ich auch nicht! Wie die Annahme, dass Krankheit immer was mit Faulheit zu tun hat, in die Köpfe nahezu aller wanderte, sollte man aktuell handelnde Politiker Ü70 fragen. Natürlich würde das niemand direkt sagen! Das gehört sich ja nicht. Aber an irgendetwas muss es ja liegen, dass einige krank werden und andere nicht. Wir leben in einer Zeit der total simplen Antworten. Alles ist komplex und Heiler aus dem Internet, die dir Pyramiden unters Bett stellen, haben Hochkonjunktur.
In meinem Schädel hat diese Denkweise Schaden angerichtet. Und seien wir mal ehrlich, mit vielen Löchern im Kopf, die der Krankheit profan sogar den Namen gaben, kann man zusätzliche Schäden nicht gebrauchen.
Zu was hat das bei mir geführt? Ich spritzte mir sauteure Medis durch die Jeanshose im Flieger. Nebenbei! Ich hatte halt für Krankheit keine Zeit. Und ich wollte mir doch nicht von Medis aufzwingen lassen, was ich wann zu tun habe. Wie blöd diese Strategie war, spürte ich relativ schnell. Fieber und Schüttelfrost am Arsch der Welt, das nächste Krankenhaus unerreichbar weit weg – und freiwillig hätte ich mich in eines aus dem Vereinten Königreich sowieso niemals einliefern lassen – können einen verzweifeln lassen.
Alles selbst eingebrockt! Die Regeln für Medikamenteneinnahme haben irgendwo ihren Ursprung. Da hat sich nicht jemand was Hinterhältiges ausgedacht. Man hat sich überlegt, wann und wie man die Behandlung am Besten ausführt. Medizin ist nicht Politik.
„Bockig ist der Junge!“, sagte meine Oma Hilde immer. Sie hatte Recht. Einsicht ist den Bockigen selten gegeben. In aller Regel kommt es dann zu einer Katastrophe. Weil die Regeln für Medikamententherapie eben sinnvoll sind!
Wie wir beim Kampf gegen die Krankheit über Kriegsmetaphern plauderten, ist das eigentlich helfen sollende Medi, mein Intimfeind gewesen. Nach dem Motto, wenn ich dich schon konsumiere, dann nach meinen Regeln!
Ok! Ist dann dumm gelaufen. Flieger im Fieberrausch verpasst, keine helfende Hand mehr da und eine abenteuerliche Rückreise per Fähre. Nur so lernen die Bockigen Demut.
Es war meine letzte Firmenreise überhaupt. Mit meinem Mindset waren Ausflüge in Länder mit gruseligem Gesundheitssystem gefährlich, was mir letztlich klar wurde. Ob heutzutage überhaupt noch ein Unterschied zum deutschen Gesundheitssystem besteht, kann ich nicht beurteilen. Damals war Deutschland paradiesisch gegenüber allen Ländern in die ich reisen musste.
Vielleicht habe ich aus dieser Einsicht heraus, wenig unter dem später durch schwere Schäden verursachtes Therapiediktat gelitten.
Was ich definitiv gelernt hatte, ist, was es bedeutet, keine Zeit zu haben. Das lernt man, wenn man nach dem Zähneputzen so Ko ist, dass zwei Stunden Bettruhe die Folge sind. Mit so wenig Energie wird die verbleibende Zeit wie bei einem Ertrinkenden in der Wüste zu letzten Tropfen Trinkwasser. Du kannst dir nicht leisten, Fehler zu begehen. Du darfst nicht im Wald stürzen, nicht einmal in der Wohnung. Die Folgen können tödlich sein. Plötzlich wird das Diktat durch Regeln und Medikamente überlebenswichtig.
Und an dieser Stelle unterscheidet sich der Konsumwahnsinn, der Event-Wahn und die Handy-Sucht fundamental von dem engen Korsett, das uns den Lebenstakt vorgibt. Das eine ist eine Sucht, die sich hinter bunten Bildern versteckt, das andere ist Notwendigkeit, die wir gerade nicht sehen mögen. Beides ist gefährlich. Vom einen kommen wir nicht los und dem anderen möchten wir uns nicht ergeben.
Ich kämpfe zum Glück nur mit dem Diktat, dem Kranke ausgeliefert sind. Für den ganzen Medienwahnsinn um Selbstbildnisse am Handy, Essen posten und Co, bin ich zu alt, um noch drauf reinzufallen. Meine alte Hausärztin sagte immer: „Wenn ich einen Patienten habe, von dem ich glaube, dass er gegen Sucht jeglicher Art resistent ist, dann sind Sie es!“
Man muss auch mal Glück haben!
In diesem Sinne euer Ingenieur.