Hallo, Leude!
Wenn über die Industrie oder Politik berichtet wird, liest man ständig von strategischer Ausrichtung. Spüren tue ich zur Zeit wenig von dieser Strategie der Politik oder der neuen Auslenkung der Wirtschaft.
Das liegt sicher daran, dass eine Strategie keine Maßnahme ist. Eine Strategie beschreibt die Art und Weise, wie man grundsätzlich an etwas herangeht. Edda fragte mich, ob ich eine Strategie gehabt hätte im Umgang mit MS. Und, ihr habt es ja gehört, ich konnte darauf mal wieder nicht antworten. Mist! Das hatte wenig mit meinen kognitiven Fähigkeiten zutun, sondern damit, dass mich Edda, mal wieder voll mit einer Frage erwischt hat, auf die ich nicht vorbereitet war.
Ich habe mittlerweile gegen Fragen, deren Antworten suggerieren könnten, ich wüsste, wie man MS erst deaktiviert und dann auch noch die Behinderungen rückgängig macht, eine Phobie entwickelt. Eines ist klar, ich muss eine Menge richtig gemacht haben, oder ich habe Glück gehabt über 20 Jahre.
Daraus leitet sich aber keine Anleitung ab, deren Titel die Amazon Buchlager füllt; leider! Sie lauten: Wie ich meine MS heilte oder MS überwinden in sieben Schritten. Ich weiß nicht, was in diesen Büchern steht. Die Titel bewirken bei mir das Gegenteil von Interesse. Warum gibt es noch MSlerInnen? Sind die blöd, dass sie nicht einfach das Buch gelesen haben?
Ich überlege schon Jahre, wie ich meinen besonderen MS-Verlauf interessant, unterhaltsam und einigermaßen hilfreich in ein Buch verpacke, ohne dabei bei einem solchen Bullshit-Titel zu landen. Kurz gesagt, ich hatte keine Strategie.
Leude, es tut mir ja leid, aber wenn ich lese, was MS Frischlinge heute alles tun sollen, um gut mit ihrer Erkrankung umzugehen, dann bin ich todsicher, dass ich das nicht getan hätte. Mein Tag hatte immer nur 24 Stunden. Und er bestand glücklicherweise nicht nur aus MS-Stratregie. Wenn ich nur einen Bruchteil von dem so gemacht hätte, wie ich Dinge tue, dann müsste ich mindestens zwei Klone engagiert haben.
Also! Nach langer Überlegung fällt mir eine Strategie ein, die die wenigsten PatientInnen haben. Ich habe immer alles, was ich aus dem Blumenstrauß der Ratschläge und Erfahrungen ausgesucht hatte, durchgezogen. Ich habe nichts vorzeitig abgebrochen. Keine medizinische Therapie unter 18 Monaten aufgegeben. Ich hatte natürlich zum Glück keine schweren ‚Therapie-Nebenwirkungen außer vielleicht Stürze.
Brich nicht eine Therapie nach vier Wochen ab! Wenn du dich für eine Physiotherapie-Methode entschieden hast, bleib mindestens 6 Monate dabei, außer du hast eine Niete gezogen. Gegenüber den Verbesserungen bei MS kommt die Beweglichkeit einer deutschen Behörde Raketengeschwindigkeit gleich. Das solltet ihr nie vergessen. Unsere Gesellschaft funktioniert mit unmenschlicher Geschwindigkeit. Das interessiert unsere Körper mal gar nicht.
Es ist frustrierend, aber nicht änderbar. Nach zehn Jahren Training ist jetzt mein damals beim Umfall geschädigter Nervus Peroneus wieder einigermaßen ruhig!
Die Neurologin (Spezialistin für Unfallkaputtes, keine Ahnung von MS) nach dem Unfall: „Kann wieder was werden, muss aber nicht!“ Ich: „Wie lange dauert das?“ Sie: „Das können wir doch nicht wissen!“ Diese Aussagen sind das Deckmäntelchen der Neurologie und machen eine Strategie so unfassbar schwer.
Hätte ich meinem Chef gesagt, weiß ich nicht, keine Ahnung, kann sein, hätte er mich gefeuert. Natürlich entspricht das Unwissen der Wahrheit, aber das erzählt man doch nicht! ÄrztInnen sind da völlig schmerzfrei. Aber die kann man auch nicht feuern.
Du weißt eben weder ob, noch wann irgendetwas etwas bewirkt. Da hatte ich es leicht, denn ich wusste im Job nie, ob meine Ideen funktionierten, und ob sie sich umsetzen ließen. Nach außen versprühte ich Optimismus und den Willen, eine Lösung zu finden.
Ich war also nicht besonders geschockt über die Neurologen-Sicht, aber zwei unlösbare Aufgaben an der Backe zu haben, war echt … So war meine erste Strategie, dass ich meine Arbeit so hinkriegen wollte, dass man mich sehr schwer feuern konnte. Ja, Leude, es gab damals einmal eine stille Übereinkunft, dass man den Problemlöser und Produktentwickler nicht feuert, wenn er fertig ist. Damals in der Steinzeit. Deshalb liess ich gleich meinen Arbeitsplatz im Krankenzimmer aufbauen. Besser genug Geld und krank, als arm und krank! Ihr hört, ich war privilegiert! Mit meinem speziellen Job konnte ich selbst im Liegen mit geschlossenen Augen arbeiten und wurde dafür bezahlt, solange das Ergebnis passte.
Das trifft wahrscheinlich auf 0,0… % von uns zu. Dessen bin ich mir bewusst. Und heute auf niemanden mehr, weil die Firmen anders funktionieren.
Was ihr daraus aber erkennen könnt, ist, dass ich mir tatsächlich über grundsätzliche Dinge klar wurde und die gnadenlos durchgezogen habe. War diese Strategie gut? Würdet ihr mich jetzt und damals kennen, würdet ihr sagen: „Natürlich, keine Frage!“
Blöd, dass ich das damals nicht wusste, und ich irgendwann kurz vor Bettlägerigkeit stand. Alle Strategien, die ihr im Web lest, haben quasi keine Nebenwirkungen. Sie sagen euch allerdings auch nicht, wie ihr die überhaupt umsetzen sollt. Ein Beispiel ist, Stress bei der Arbeit zu vermeiden! Tolle Strategie. Passt auf uns alle. Ist wie, wirf dich nicht vor den Bus, es könnte weh tun. Dafür brauchst du weder Experten noch Professor Doktor, sondern normalen Menschenverstand.
Gern wird verschwiegen, dass du dann finanziell komplett am Sitzfleisch bist, wenn du die Arbeit aufgibst. Hört sich gut an, ist es aber nicht!
Bringt es euch eigentlich auf die Palme, wenn dreckiges Geschirr in der Spüle steht, oder der Boden nicht gesaugt ist? Wenn dem so ist, könnt ihr auch weiter arbeiten! Moment! Ich habe ganz vergessen, dass ihr ja schon resillient seid und flötend mit dem Rolli um herumliegende Sachen kurvt. Wen interessiert schon, dass die Hütte aussieht wie Dresden damals. Das versetzt dich mit deinem Ego natürlich nicht in Stress. Hallo! Soviel Stress hätte ich bei der Arbeit nie haben können, wie mich nervte, dass ich nichts mehr zuhause beschickt bekam.
Merkt ihr, wie schwer das ist? Wieviel Fallstricke die Theorie bereit hält, wenn sie auf das Leben trifft?
Jede Strategie ist individuell. Edda zu sagen, sie solle ausgerechnet, wenn der Körper versagt, ein Sportmonster werden, ist ziemlich bescheuert. Genauso dumm wäre es, wenn ich Klavierspielen gewählt hätte, um meine tauben Finger wieder zu beleben. Trotzdem muss Edda Sport machen, also Bewegung, und ich muss meine Finger trainieren. Ja, Leude, wir müssen Sachen tun, die absolut keinen Spaß machen und vor allem Dinge tun, von denen wir nicht wissen, ob sie funktionieren.
Aber mal ehrlich! Wer weiß denn vorher, was zukünftig passiert, außer Versicherungsvertreter und Politiker. Alle anderen wissen das nicht. So komme ich zu meiner letzten Strategie, die ich nur den Hartgesottenen unter euch empfehlen kann. Ausprobieren! Einfach irgendwas ausprobieren und sich selbst kennenlernen. Das kann schmerzhaft sein. Ich habe mich wie bei „Jugend forscht“ zu meinem Forschungsobjekt gemacht. Das beobachte ich und fummele daran rum, bis irgendetwas funktioniert. Weiht besser eure ÄrztInnen ein, solltet ihr diese Strategie in Betracht ziehen! Ich tat das nur bedingt, aber ich bin auch Forscher und Entwickler.
In diesem Sinne, Try and Error.
Euer Ingenieur