Folge 4/17: Du siehst gar nicht krank aus

Hallo, Leude!

Kennt ihr Dorfklatsch? Ich wohne in Ostwestfalen-Lippe. Ostwestfalen hört sich schon an, als habe da jemand was durcheinander gebracht. Ein klassisches Gespräch aus den Tiefen des Ost-Westfälischen zur Mittagszeit geht folgendermaßen:

V„Sach ma, haste das von Apfel-Gerd gehört?“

„Ne!“

„Der ist tot!“

„Was? Der Apfel-Gerd? Der war doch noch so jung!“

„Das kannst wohl sagen, der Apfel-Gerd!“

„Ich habe den ja schon ewig nicht mehr gesehen! Was hatte er denn?“

„Was Seltenes, soll es gewesen sein!“

„Ach was! Der sah gar nicht krank aus!“

Keiner hat ne Ahnung von irgendwas, aber eine Erzählung erlebt seine Geburt auf der Straße. „Das war doch dieser …“

Auf dem Dorf verbreitet sich eine Erzählung wie ein Lauffeuer. Nun sind Lauffeuer heutzutage unfassbar langsam, seit es dieses Internet gibt. Da erzählt ein Typ mit Kappe in Karpaten irgendwas und ein Dödel in Mecklenburg Vorpommern, der der Sprache nicht mächtig ist, hat ein Übersetzungsproblem und frickelt sich daraus eine migrantische Invasion zusammen.

Die sozialen Medien schaffen angeblich Verbreitung mit nahezu Lichtgeschwindigkeit. Lichtgeschwindigkeit ist, wenn Herzchen und Daumen und idiotische Kommentare auf dem Handydisplay unglaublich schnell aufpoppen.

Wir haben das Wichtigste in unserem Podcastgespräch vergessen! Man redet nicht mit, sondern über uns.

Die virtuelle Welt ist ein einziger Dorfklatsch, und das Dorf ist die ganze Welt. Da sind ja angeblich „Bots“ unterwegs, die es gar nicht gibt. Ja, wenn Erwin wieder jedem ne Story auf der Straße erzählt, ist das auch nicht vertrauenswürdiger! Bots sind nur technischer und schneller. Der Inhalt ist der selbe. Aus einem Fünkchen Wahrheit wird eine verdrehte Legende, die Nerven trifft.

Den einzigen Unterschied, den ich ausmachen kann, ist, dass Erwin antwortet, wenn du sagst: „Erwin, was redest du da wieder für einen Müll?“ Bots antworten nicht, die reden einfach nur Müll!

Wie kann man dann auseinanderhalten, was stimmt oder erfunden ist? Woher weiß ich, was jemand meint, wenn er sagt: „Hey, du siehst gar nicht krank aus!“ Ein Kompliment? Oder soll das ne Anklage sein?

Wenn man das auf dem Dorf in der Realität schon nicht weiß, wie zum Henker kommt man darauf, dass irgendwas, das im Handy erzählt wird, stimmt? Es ging doch schon immer nur ums Erzählen und ums Weitererzählen. Nur jetzt wird Erwin zum Digital Director oder Influencer und kann Geld damit verdienen.

Wir, die wir krank sind, reagieren sensibel auf Sätze wie „Du siehst gar nicht krank aus!“ Ich habe aber auch schon vor vielen Jahren den umgekehrten Blödsinn gehört, den unser Kanzler heute gern verbreitet.

„Hör mal, dich betrifft das doch nicht, du bist doch richtig krank!“

Na klar, die anderen sind falsch krank. Ich bin richtig krank. Genau, der Friedrich meint doch auch, dass die falsch krank sind.

Dummschwätzer gibt es auf jedem Dorf und in jedem Handy. Als Edda und ich über darüber sprachen, wie man denn nun auszusehen hat, wenn man krank ist, ist uns aufgefallen, dass nur sehr wenige einem ihre Einschätzung ins Gesicht sagen. Edda hat es gar nicht erlebt. Die hatte das Glück, gleich krank auszusehen. Ja, und mir …, ich glaube, einmal! Und damals war ich quasi nur diagnostiziert, krank habe ich weder ausgesehen noch habe ich mich so gefühlt. Man kann tatsächlich richtig doll krank sein, nicht so aussehen und sich nicht krank fühlen. Ohne Ärztinnen ginge das gar nicht.

Das muss erwähnt werden. Man ist krank, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sagt: „Du bist unheilbar krank!“

Bislang wurde die Diagnose in meinem Umfeld nicht angezweifelt. Jetzt ändert sich das gerade. Politiker wissen plötzlich, ob man krank ist. Das sind wahre Teufelskerle. Was die alles nebenberuflich wissen! Das ist verrückt. Ich dachte immer, in Deutschland muss man für alles Papiere haben. Ich habe einen Gesellenbrief aus der Schriftsetzerinnung und ein Diplom und ein Abschlusszeugnis von der Hochschule. Politiker brauchen das so wenig wie Ernst der Geschichtenerzähler.

„Du, der Ernst, was hat der eigentlich gemacht?“

„Das ist doch der, der immer Geschichten erzählt?“

„Ach ja, genau!“

Wir dürfen nicht alles auf uns beziehen, nicht alles persönlich nehmen! Aber das ist verdammt schwer. Wir gehörten nämlich auch zu den Geschichtenerzählenden. Wir haben es nur vergessen! Jetzt fordern wir überall Verständnis! Und gern fordern wir es im Internet. Das ist wie ins Blaue fordern. Vielleicht hört es ein irrgeleiteter bRussen-Bot. Und der beleidigt dich dann.

Und schon werden wir in der Annahme bestätigt, dass alle so böse und ignorant sind, dass sie unsere Malaise nicht wertschätzen. Dass sie antworten: „Ich bin aber auch oft müde!“

Was ist daran so schlimm? Vielleicht sind diejenigen, die das sagen wirklich total müde! Darüber dachte ich jedenfalls nicht nach, weil ich ja unheilbar krank bin und meine Müdigkeit viel …

Edda sagte das Entscheidende in unserer Podcastfolge. Woher wissen wir eigentlich, dass der Satz – Du siehst nicht krank aus! – immer abwertend gemeint ist?

Das hat mich nachher beschäftigt. Als ich noch mit Kriegsbeil in der Tasche unterwegs war, ist mir nicht einmal diese Möglichkeit in den Sinn gekommen.

Komisch, oder?

Euer Ingenieur

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