Folge 4/16: Cool bleiben. Sagt sich so leicht.

Hallo, Leude!

Das Thema dieser Folge ist mir eingefallen. Besser ausgedrückt, hat es sich mir in einer scheinbar ausweglosen Situation aufgedrängt. Die Hitze hatte unserer Kreativität für Themenfindung nicht gut getan. Mein Gehirn war ausgedörrt. Außer heißer Luft hatten wir beide nichts drin. Wie ihr jetzt wisst, hatte ich auf meiner Fahrradtour dieses spezielle Problem. Keep cool, sonst liegst du da!


Und jetzt verrate ich euch was. Ich wollte nicht über meine Radtour sprechen. Wir quatschen vor der Aufnahme gewöhnlich ein bisschen, aber nicht über das, über das wir in der Folge plaudern. Sonst wird das künstlich. Du sprichst doch nicht zweimal hintereinander über dasselbe, nur einmal hören Leute zu. Ihr habe sicher bemerkt, dass mich Edda seit der ersten Folge immer, also wirklich immer, am Nasenring hat. Sie findet zielsicher wie der Schützenkönig der letzten Jahre genau die Frage, auf die ich garantiert keine schnelle Antwort habe.

Ich hatte mich mental dieses Mal so exzessiv vorbereitet, dass ich nach den ersten Sekunden obsiegen konnte. Die obligatorischen drei Sekunden, die dich zum lachenden Helden oder zum schweigenden Horst machen, konnte ich das erste Mal überstehen. Wahnsinn! Tschakka! Das glaubte ich jedenfalls.

Drei Sekunden nicht antworten zu können, ist eine Ewigkeit. Drei Sekunden lang gähnende Leere im Schädel. Und wenn du merkst, dass es zäh wird, kann es nur noch schlimmer werden. Nervosität mündet bald in möglicher Panik. Und da sind wir beim Thema. Spontanität? Was ist das? Mittlerweile liebe ich es, wenn Edda mich kriegt.

Edda hat ihr Überraschungsmoment dieses Mal mitten in die Podcastfolge gelegt. Sie fragte mich doch glatt nach meiner Fahrradtour. Ich kann euch sagen, einen Profi trickst du nicht aus. Mich kriegt Edda eben doch immer! Mist!

Aber kommen wir zu meiner Radtour zurück, von der ich euch nicht erzählen wollte. Ihr fragt euch womöglich: „Warum?“

Zum Einen bin ich nicht ein radelnder Influencer für Kaputte, der sich mit Handy und Selfie Stick filmt, während er sich lachend eine unmögliche Steigung in Kirgisistan hoch durch eine Einöde quält. Wir sind ein Podcast! Ich kann euch gar nicht zeigen, warum ich hunderte Kilometer fahren kann, aber nicht mein linkes Bein im Stehen in ein Hosenbein stecken kann. Oder eben aus den Klick-Pedalen herauszukommen. Edda fiel der wirklich geniale Vergleich ein, der alles über die große Problematik an MS erkrankt zu sein, aussagt.

Du scheiterst auf 40 Metern bei einer 400 Kilometer Tour daran, dass du den Fuß nicht nicht mehr auf den Boden bekommst. Wie soll ich euch das erklären? Stellt euch eine Person ohne sportliche Ambitionen vor. Morgens reibt er sich das Ergebnis deutscher Braukunst und steigt dann blind einbeinig in seine Hose. Und ich? Der, der hunderte … Na, der würde sich doch mit schlafwandlerischer Sicherheit … Genau, er würde sich ein Bein brechen. Ich denke mir immer selbst Fragen aus, die man mir stellen könnte. Oft liege ich daneben.
Folgende Beispiele: „Wieso kriegst du es denn nicht hin, das Problem mit dem Ausklicken zu lösen? Und warum zum Henker kommst du nicht in deine Hose?“

Die Antwort überrascht vielleicht. Es hat gar nichts mit dem Bein zutun! Und seht ihr, jetzt ist ein Podcast am Ende. Und eine Kolumne würde so lang, dass euch vor Langeweile der Kopf auf den Tisch fällt. „Es ist kompliziert“, würde ein Politiker sagen.

Also widmen wir uns meinem Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Quasi das Gegenteil von Muttis „alternativlos“ oder Merzens „Zerschlage das Sozialsystem“. Es gibt immer Alternativen etwas zu tun. Ja, das ist mein Motto. Ein Motto gibt nur die Richtung vor. Und es ist absolut nicht schlimm, wenn es dann nicht so klappt, wie man es sich gedacht hat. Vielleicht erfährt man ja was nicht ging. Vielleicht dauert es auch etwas länger. Aber, wenn du nichts machst, passiert nichts.

Was hat das mit Panik zu tun? Na, wenn du weißt, was das Problem ist, kannst du etwas ausprobieren. Du kannst ruhig bleiben.

Panik entsteht durch das Überraschungsmoment. Wirst du panisch, weißt du plötzlich nicht mehr, wie du ein Bein drehst. Dann verkrampfst du dich und tausend neue Probleme tun sich auf. Jetzt habe ich nach der Tour schon eine Lösung! Ja! Es ist so. Aber jetzt kenne ich das Problem!

Das kennen doch alle Gesunden auch. Nur ist es in aller Regel etwas undramatischer, als wenn uns das passiert. Das könnte man meinen! Ich glaube aber, dass es tatsächlich keinen Unterschied gibt. Ob Panik ausbricht, hängt doch nicht von der realen Bedrohung ab.

Wir bewegen uns allerdings normal schon auf der letzten Rille, wenn Normalos einfach vor sich hin funktionieren.

Hey Leude das ist anstrengend. Es ist auch ganz sicher ein Grund für die extreme Müdigkeit, die einige spüren. „Bleib doch einfach ruhig!“, rufen uns ausgerechnet die zu, die durchdrehen, wenn morgens einer Milch verschüttet. Wenn sie wenigstens nicht das Wort „einfach“ benutzen würden. Das ist so, als würde dir der Löwenbändiger mit Pistole am Gurt und Peitsche in der Hand sagen: „Der will nur spielen, bleib einfach ganz cool!“

Wir sind von wilden Löwen umzingelt. Den ganzen lieben langen Tag. Die Eine guckt, weil jemand aus dem Fenster im dritten Stock ruft, nach oben und fällt natürlich wie ein gefällter Baum nach hinten um. Der Andere macht einen Schritt auf den Zebrastreifen und schaut ruckartig nach links, als ein Sportwagenfahrer seine Keramikbremsen ausreizen will und liegt sofort auf dem Boden.

Man könnte nun Zuhause bleiben. Auf dem Sofa sitzen. Und dann?

Dann bekommst du, falls du jemals wieder das Haus verlässt, draußen erst richtig Panik. Ihr wisst ja, dass ich oft falle. Ja, aber bevor ich beschlossen habe zu fallen, habe ich selbiges auf weichen Matten geübt. Nach hinten fallen, ist das Schlimmste. Was wären die Alternativen? Im Rolli bleiben oder Zuhause vergraben. Ich weiß, dass die Belohnung für die ganze Plackerei zweifelhaft ist. Jedenfalls in einer Merz-Welt, in der wir ausschließlich nach Produktivität bewertet werden sollen. Wieso muss ein mit dem Kopf arbeitender Ingenieur wie ich überhaupt laufen können? Ich war im E-Rolli sehr produktiv. Nur reicht dann die Zeit nicht mehr, sich da raus zu trainieren.

Prioritäten setzen und ruhig bleiben. Geht nicht gibt’s nicht!

Euer Ingenieur

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