Hallo, Leude!
Das Vergessen hat etwas Kurioses, finde ich.
„Hast du schon mal vergessen, dass du etwas vergessen hast?“
Dieser Satz bringt das Dilemma des Vergessens auf den Punkt. Als die Podcastfolge beendet war, habe ich in meinem Hirn nach einem Lied über das Vergessen gesucht, dessen Melodie ich noch im Kopf hatte. Ich habe es oft gehört. Damals gab es noch Alben, und ich hatte einen Plattenspieler. Das wusste ich sofort wieder. Aber mir fiel weder ein, wie die Band hieß, noch, worum es in dem Song genau ging.
Das kennt ihr alle. So, wie uns alte Geschichten oder Begegnungen, mit ganz bestimmten Personen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel einfallen, fällt uns etwas, das wir in unserem wunderbaren Gehirn haben, nicht wieder ein. Je intensiver wir suchen, um so geschickter versteckt sich die Information.
„Verdammt, das fällt mir doch jetzt nicht ein!“
„Du, das kenn ich, geht mir auch so!“
Nein, das stimmt nicht, muss ich leider sagen. Krankheitsbedingtes Vergessen durch neurologische Erkrankungen haben nur das selbe Ergebnis zur Folge, wie es bei Gesunden der Fall ist. Der Weg dorthin ist jedoch einer durch einen Urwald und nicht, durch ein falsche Abzweigung, an der man ein Schild übersehen hat.
„Haindling“ So hieß die Gruppe, die den Songtext: „Ich habe vergessen, dass ich so vergesslich bin“, gesungen hat. Der Name der Band, von der ich alle Alben besitze, ist mir bis heute, da ich die Kolumne schreibe, nicht wieder eingefallen. Also habe ich recherchiert, wer den Titel veröffentlicht hatte. 1993 ein Jahr nach meiner Diagnose.
Meine bayrische Lieblingsband um Hans-Jürgen Buchner hatte schon immer zu den tollen Texten, einen unglaublich guten Sound. Dieser glasklare Sound auf der Konserve hatte eine Spur in mein Hirn gebrannt. Aber irgendwo sind die Brotkrumen verloren gegangen. Die Spur führt ins Nichts.
Und dann sehe ich das Cover des Albums und kann den Text quasi sofort auswendig mitsingen.
So! Und jetzt komme ich zurück auf die Frage: Hast du schon mal vergessen, dass du was vergessen hast? Zum Glück nicht, würde ich jetzt antworten. Und ohne es unnötig kompliziert zu machen und in einer „Escherschen Schleife“ zu landen. Das Vergessen vergessen hat Vibes von Demenz. Vergessen kann aber auch Ignorieren sein.
Verdammt jetzt bin ich doch in einem dieser Bilder von M. C. Escher gelandet. Eine Treppe in der man endlos nach oben und gleichzeitig nach unten geht. Ein wunderbare Illusion. Sie heißt auch Treppauf, Treppab. Wenn du auf der Treppe unterwegs bist, ist alles verloren, kein Entrinnen.
Wir können uns in Gedanken wunderbar im Kreis drehen.
Und da hänge ich mich jetzt aus dem Fenster und rate euch frei nach Edda: Atmen und Stoffwechseln. Egal! Das ist die Lösung. Es ist einfach egal, ob dir etwas nicht einfällt. Ich bastel mir immer visuelle Vergleiche zusammen. Nehmen wir an, du willst über eine Hängebrücke gehen, und du hast Angst, dass das Ding anfängt, zu schwingen. Was passiert dann? Na klar! Es fängt an zu schwingen, weil du alles falsch machst auf der Brücke. Du bist nervös, bewegst dich völlig untypisch und bist gestresst. So stelle ich mir mein Problem mit dem Zugriff auf Erinnerungen vor.
Egal! Gehst du einfach ohne Angst auf die Brücke, passiert wahrscheinlich gar nichts. Und das kann man trainieren.
Nur kann man es in unserer industriellen Welt, die schneller als unsere natürlichen Reaktionen ist, nicht einfach in einem Meeting ausprobieren. Das funktioniert nicht. Deshalb wird auch so wahnsinnig viel Unsinn verbreitet. Wer hat heute schon Zeit, über etwas nachzudenken. Das wird als Schwäche ausgelegt. Wenn man einfach irgendwas rausposaunt kommt man damit in der Regel durch. Außer man ist unter Beobachtung, wie Merz, dann wird es peinlich.
Ich bat irgendwann darum, nicht mit mehr als zwei Personen reden zu müssen; besser nur eine. Diese offensive Art, meine Schwäche direkt dem Verantwortlichen zu erklären, wirkte Wunder. Ich wurde für immer von allen Meetings befreit.
Ist daraus eine irgendwie geartete Katastrophe entstanden? Ich war ja immerhin für große Projekte zuständig. Natürlich nicht!
Der Spruch, der mich noch mehr dazu gebracht hat, Lösungen für mein Aufmerksamkeitsdefizit und das langsame Gedächtnis zu finden, war folgender: „Sei spontan!“ Paul Watzlawick der wunderbare Kommunikationswissenschaftler, den auch Laien verstanden haben, hat diesen paradoxen Satz diskutiert.
Dabei ist einem erstmal gar nicht klar, wie unmöglich die Aufforderung, spontan zu sein, ist! Nun habe ich – ich glaube es ist das erste Mal -, eine Kolumne über meine kruden Gedankengänge geschrieben, die eine Mischung aus Wissenschaft, Musik und praktischen Erfahrungen ist.
Der erste Psychologe, bei dem ich jemals war, wollte mir diesen Unsinn austreiben. „Sie müssen auf ihre Gefühle hören, jetzt, da sie krank sind!“
Auch ich glaubte an berufliche Expertise! Glaubte! Zum Glück besann ich mich schnell auf meine eigene Expertise – den normalen Menschenverstand – und ging nie wieder zu dem Quacksalber mit Doktortitel. Danach fand ich super Psycholog:innen, die mir sehr halfen.
Wer ein Patentrezept hat, ist verdächtig! Das habe ich gelernt. Ob meine Methode bei euch funktioniert, wage ich zu bezweifeln. Denn alle haben wir andere Interessen, andere kleine Wege in unserem sehr individuellen Gehirn. Der Rat, sich nicht zu stressen, nicht spontan sein zu wollen und Methoden gegen auftretende Panik zu suchen, kann ich jedoch allen Menschen sehr ans Herz legen.
Euer Ingenieur