Folge 4/21: Halbwissen mit Nebenwirkungen

Hallo, Leude!

Wie oft habt ihr schon zu jemandem in einem Gespräch gesagt: „Das ist doch menschlich?“ Wir vergessen viel aus der Zeit vor unserer Erkrankung, jedenfalls geht es mir so. Es gab sie, diese Zeit, als ich sofort wusste, was gemeint ist, wenn jemand von „menschlich“ sprach. Und natürlich habe ich diesen Dauerbrenner des Verständnisses auch häufig benutzt.

Jetzt tue ich das nicht mehr. Aber warum? „Menschlich“ ist doch eine positive Zuschreibung, oder nicht? Mittlerweile sagt sogar meine KI „mhm“ oder „aha“. Das macht mich allerdings fertig. Das soll Vertrauen vermitteln, Menschlichkeit eben.

Offenbar vertrauen wir tief in uns sympathischen Exemplaren der eigenen Spezies einiges zu. Das ist so ein Gefühl! Deshalb haben es Menschen in Maschinen programmiert.

Was passiert aber, wenn das Gefühl einmal zu viel enttäuscht wurde? Das Vertrauen in das, was uns jemand erzählt, hängt stark davon ab, wer uns etwas erzählt. Ich habe gelernt, Lehrer:innen blind zu vertrauen, Ärztinnen und Ärzten und zum Teil sogar Beamt:innen in Behörden.

Ja, so war das in der Kindheit der Sechziger. Nicht nur unsere derzeitige Politelite der CDU wünscht sich diese wunderbare Zeit zurück. Auch viele Ärztinnen und Ärzte fänden es sicher nicht schlecht, wenn ihre Patient:innen ihnen blind vertrauten.

Das ist nichts Schlechtes! Sie meinen es doch nur gut; alle! Ja! Sie „meinen“ es.

„Das ist doch menschlich!“

Irgendwie sind wir Patient:innen auch selbst schuld. Wir wollen geheilt und geliebt werden. Verständnis für unsere Sorgen bekommen, einen einfühlsamen Blick erhaschen und die richtigen Medis, die, die helfen, verordnet bekommen. Auch mal das Herz ausschütten dürfen beim Neuro oder der Neurologin.

Und dann werden wir eines Tages schlagartig aus dem Wolkenkuckucksheim gerissen. Wir bekommen eine „Fehlinformation“!

Schlagartig wird menschlich zu „wie kann er nur …“ Ja, liebe Leude! Weil das eben auch menschlich ist. Fehler! Maschinen machen keine Fehler. Das ist nicht leicht zu verstehen. Deshalb erkläre ich es jetzt. Menschen bauen in Maschinen Fehler ein. Wie soll eine Maschine Fehler machen? Ein Fehler in einer Maschine ist immer und ausschließlich ein Fehler des Konstrukteurs. Die Folgen von Fehlinformationen reichen von „dumm gelaufen“ bis „Katastrophe“.

Als ich die erste große Fehlinformation zum Schüler-Bafög Anfang 80 bekam, hatte ich so ein Gefühl. „Wenn das mal richtig ist?“ Hätte ich drauf gehört, wäre ich nicht einmal Ingenieur geworden, weil ich ganz ohne Geld nicht hätte die Fachoberschule beenden können. Der Fehler der netten Beamtin war natürlich total krass, aber dadurch hatte ich einen zinsfreien Kredit, statt rückzahlungsfreie Unterstützung. Ich bringe das als Beispiel und das mit den Maschinen, um darzulegen, wie sich Fehler auswirken können.

Nach der Podcastfolge fiel mir ein, dass die schlimmste Fehlinformation meines noch jungen Lebens, aus heutiger Sicht, etwas anders anmutet. Wäre ich ganz ohne Geld, ohne irgendetwas, Zuhause ausgezogen und in eine andere Stadt zur Weiterbildung gegangen? Wie hätte das funktionieren sollen? Nachher ist man immer schlauer, das ist menschlich.

Wir dürfen unseren Glauben an richtige Informationen nicht verlieren! So sehe ich das heute. Wir leben in einer Zeit der Fake-News. Alles wird angezweifelt. Zweifel säen ist ein Instrument. Das darf sich nicht in unser Kranksein einschleichen. „Die Pharma-Konzerne …, die Ärztinnen…“

Skepsis nennt man das Wort, das angebracht ist. Gesunde Skepsis bezeichnet das Maß an Skepsis, das angebracht scheint.

Ich habe trotz meiner Skepsis mit dem unberechtigten Schülerbafög die Fachhochschulreife erreicht. Damals eine Katastrophe, heute eine Erfolgsgeschichte.

Nur! Ich habe die Geschichte selbst geschrieben und nicht blind etwas übernommen. Und das kann ich euch nur empfehlen. Jede Information aus der medizinischen Hood sollte man sacken lassen. Darüber nachdenken. Vielleicht eine zweite Meinung einholen. Denn Medizin ist nicht Physik, die über Meinung lange hinaus ist! Medizin ist auch Meinung, Glück, das etwas wirkt oder Pech, dass es nicht wirkt. Da können sie euch noch so oft von randomisierten Doppelblind-Studien erzählen. Ihr wart es aber nicht, an denen es ausprobiert wurde. Das ist eben menschlich.

Und deshalb ist Medizin keine Naturwissenschaft. Kann funktionieren, muss aber nicht.

Was mir aber meisten aufstößt sind diejenigen, die aus allen Rohren feuern, wenn man von Ärzt:innen einen im Nachhinein falschen Weg gewiesen bekommt. Hey, ihr seid für euch verantwortlich, nicht Doktor:in Irgendwer!

Zum Glück ist das Vertrauen in Ärzt:innen bei uns noch hoch! Die Folgen einer Politik, die alle unter Generalverdacht stellt, Zweifel am Kranksein sät und Leistungen abbaut, werden wir in einigen Jahren erst erkennen. Vertrauen zerstören scheint mir jedenfalls keine gute Methode.

Von unseren Medizinierenden zu verlangen, dass sie uns mögen, ist verständlich. Mein Neurologe war ein misogyner Unsympath. Seine fachlichen Entscheidungen, die ich mitgetragen habe, waren zum damaligen Zeitpunkt scheinbar gut und richtig. Heute brauchte ich einen emphatischen Begleiter, der mir nicht nur die nächste Kortison-Dröhnung verabreicht. Ich gehe seit Jahren nicht mehr zu ihm. Das ist eben menschlich! Der Typ ist, wie er ist. Unsympathisch! Wenn er wirklich mal etwas Einfühlsames sagte, kam es gestelzt und unglaubwürdig herüber. Ungefähr so, wie Merz jede Woche erzählt.

Da war mir es lieber, dass wir professionell nicht mich, sondern meine MS behandelten. Wenn ihr das Gefühl habt, dass Informationen oder Therapievorschläge euch irgendwie zuwider sind, fragt euch, was daran so unvereinbar ist. Ich traue mich nicht, zu spritzen? Dann ist ein Medikament, das man spritzt, noch lange kein schlechtes Medikament oder ein falscher Rat.

Wenn ihr eine regelrechte Spritzen-Phobie habt, und euer Neuro das ignoriert, dann ist er menschlich halt nicht geeignet. Wissen sollte er, dass das nicht geht. Welche Meinung er dazu hat, spielt natürlich eine Rolle. Ihr müsst nur nicht gleicher Meinung sein.

Fehlinformationen haben manchmal unterschiedliche Gesichter. Ich meine nicht den Rat des Experten Trump, sich mit Rohrreiniger den Mund zu spülen oder wie Jens Spahn die Maske über die Augen ziehen, damit die Atemwege geschützt werden. So dumme Fehlinformationen sind sehr, sehr selten.

Euer Ingenieur

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