Folge 4/22: Das kann doch nicht so schwer sein!

Hallo, Leude!

Erinnert ihr euch noch an die Textaufgaben in Mathe? Ich fand die immer gruselig. Ich fragte mich, will der meine Mathe Skills abfragen oder die Familienverhältnisse von irgendwem der so und so alt ist? Essen Oheime sechs Äpfel und die Base des …! Am Ende sollst du beantworten, wieviel Kinder der Schwager …

Gruselig!

Es hat nichts mit Mathe zutun, sondern mit Sprachverständnis.

Mit Variablen in meinem Fach zu arbeiten, ist total easy! Ich weiß ja, wie etwas funktioniert. Aber bei Textaufgaben musste ich mich in krude Sachen reindenken, die mich in Panik versetzten. Im Matheunterricht stellt ein Mathetyp ne Aufgabe und du sollst das Ziel rausfinden! Jetzt denkt ihr bestimmt, aber der ist doch Ingenieur. Ja richtig, aber nicht, weil ich auf Mathe stehe, sondern weil ich mich für Technik interessierte und da das Handwerkszeug Mathe ist. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Als Edda mich gleich zu Anfang der Podcastfolge nach meinen Variablen im Umgang mit Behinderung fragte, tauchten üble Mathelehrer und noch verrücktere Matheprofessoren vor meinem geistigen Auge auf.

Mein Matheprofessor, ein ausgesprochen extravagantes Modell seiner Zunft damals, lieferte sich mit dem Dekan, ein Leistungselektroniker, einen Wettstreit. Der Mathetyp hatte null Ahnung von dem, was es zu berechnen galt. „Aber Elektrotechnik ist nichts als angewandte Mathe“, sagte er.

Demzufolge bewies er, dass man keinerlei Ahnung haben muss, um ein wirklich schwieriges elektrotechnisches Problem mathematisch zu lösen. Am Ende war das Ergebnis richtig, nur konnte er nichts damit anfangen. Tja so sind sie, die Mathematiker.

Du musst halt deine Variablen erst einmal herausfinden! Wer Textaufgaben hasst, wie ich, bekommt Schweiß auf der Stirn, wenn neue Variablen auftauchen.

Genug des Ausflugs in die Welt der Ingenieure. Kommen wir zu unserem Problem. Ich bin krank. Ich weiß gar nicht, was mit mir passieren wird! Es kann mir auch niemand sagen! Gleichzeitig funktioniere ich in meiner eigenen Welt einfach.

Wie fängst du es also an, wenn deine Welt einzustürzen droht? Da ist der Matheprof auch richtig auf verlorenem Posten, weil ihm diese Mal niemand erzählt, wie er die Variablen belegen muss.

Wir lernen von Geburt an, in unserer Umwelt zu funktionieren. Der erste Tag im Kindergarten ist für alle Beteiligten hart, für einige Kinder ist es die Hölle auf Erden, das erste Mal alleingelassen zu werden. Der erste Schultag und, und, und. Immer kommen neue Erfahrungen dazu und irgendwann slidet man hoffentlich gechillt durchs Leben.

Dann macht es „Zack“, und alles, was gerade noch normal war, löst sich in Wohlgefallen auf.

Das ist die krasseste Textaufgabe deines Lebens, denn es gibt mehr Variablen als Gleichungen. Du kennst sie nicht, keiner kann sie dir nennen. Wenn dies passiert muss das passieren, ist plötzlich wertlos.

Das haut auch den stärksten Mathetypen aus den Schuhen. Aus meiner Erfahrung haben Logiker sogar noch größere Probleme als Normalos.

Ausprobieren! Bleib cool! Nimm dir Zeit!

Was?? Zeit? Niemand hat heutzutage Zeit. Edda muss sich über alle Aktionen außerhalb der Wohnung vorher Gedanken machen. Jedes Mal! Auch wenn du schon eine Menge Variablen kennst, bleibt es ein Abenteuer!

In einer Welt in der Couch-Potatos Extremsportlern beim Radeln durch Asien auf YouTube zugucken oder an den Lippen von Schönheitsfetischisten hängen, ist es kein Wunder, dass eine Extremsportart wie Einkaufen für MS Erkrankte, nicht mit den Überlebenssimulationen im Dschungelcamp mithalten kann. Alle, die da Maden essen und durchdrehen, wenn das Handy  nicht ständig piept, hätten im Krankheitsfall ein richtiges Problem.

Kennt ihr eure Variablen? Man kann vor Mathe auch kapitulieren. Einfach mal irgendwo liegen bleiben. Psychologen erzählen, man solle einfach in die Gegend gucken und wenn du nur 50 Meter mit irgendeinem Hilfsmittel vorwärts kommst, was soll’s. Der Weg ist das Ziel! Genieße!

Ihr wisst es ja schon, ich bin dann doch das Team „finde raus, wie du Ziele erreichst“.

Wichtigster Punkt ist da die Energie, die wir haben. Blöderweise folgt die Menge Energie keinem vorhersehbaren Ablauf. Heute so Morgen so! Blöd als Variable. Gehst du immer auf Nummer sicher, kannst du wahrscheinlich irgendwann das Haus nicht mehr verlassen.

Dann gibt es die Zeit! Davon haben alle angeblich viel zu wenig, was für mich etwas absurd ist, wenn ich daran denke, dass ich dreimal länger brauchte, ins Auto zu kommen, als für die Fahrt damit. Während also alle heulen, sie hätten keine Zeit, soll ich den Weg genießen! Na klar.

Tatsächlich müssen ausgerechnet wir, die in Bussen zu Arbeitsbeginn nicht gern gesehen sind, weil die Arbeitenden ja zuerst dran sind, ganz genau jede Aktion planen und haben ein existenzielles Zeitproblem.

Da ist Gelassenheit tatsächlich das einzige Mittel. Ich habe mir immer schön geredet, wenn ich tatsächlich einmal einen der beiden Behindertenplätze in der Stadt erwischt hatte. Positives Denken nennen das die Therapeuten. Man kann schlecht öffentlich einen Freudentanz aufführen im Rolli, aber genießen kann man es schon, wenn das was jeder als selbstverständlich nicht einmal bemerkt, klappt.

Wenn euch das gelingt, seid ihr einen großen Schritt weiter und vielleicht könnt ihr dann auch Variablen vergeben, die das Leben in kleinen Schritten schöner macht.

Mit positiven Grüßen

Euer Ingenieur

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